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Prof. Dr. Emil Kautzsch

Textbibel

Das Alte Testament

Das Buch Hiob.

Kapitel 15.

Der zweite Gesprächsgang (Kap. 15-21).


Zweite Rede des Eliphas.

1 Da antwortete Eliphas von Theman:
2 Wird wohl ein Weiser windige Ansicht als Antwort vortragen
und sein Inneres mit Ostwind füllen -
3 mit Rede strafend, die nichts taugt,
und mit Worten, durch die er nichts fördert?
4 Dazu zerstörst du die Gottesfurcht
und thust die Andacht ab, die Gott gebührt.
5 Denn deine Schuld macht deinen Mund gelehrig,
und du erwählst die Sprache Verschmitzter.
6 Dein Mund verurteilt dich, nicht ich,
und deine Lippen zeugen wider dich.
7 Bist du als der erste der Menschen geboren
und noch vor den Hügeln hervorgebracht?
8 Hast du im Rate Gottes zugehört
und die Weisheit an dich gerissen?
9 Was weißt du, daß wir nicht wüßten,
was verstehst du, das uns nicht auch bewußt wäre?
10 Auch unter uns sind Greise, sind Ergraute,
reicher als dein Vater an Lebenstagen!
11 Sind dir Gottes Tröstungen zu gering,
und ein Wort, das sanft mit dir verfuhr?
12 Was reißt dein Unmut dich fort,
und was rollen deine Augen,
13 daß du gegen Gott dein Schnauben kehrst
und deinem Munde solche Worte entfahren lässest?
14 Was ist der Mensch, daß er rein sein könnte,
und daß gerecht dastände der Weibgeborene?
15 Selbst seinen Heiligen traut er nicht,
und der Himmel ist nicht rein in seinen Augen,
16 geschweige der Abscheuliche, Verderbte -
der Mensch, der Unrecht wie Wasser trinkt!

17 Ich will dich unterweisen, höre mir zu,
und was ich geschaut, das will ich erzählen,
18 was die Weisen berichten
unverhohlen von ihren Vätern her.
19 Ihnen war noch das Land allein gegeben,
und noch kein Fremdling unter ihnen umhergezogen.
20 "Sein Leben lang ängstigt sich der Frevler
und alle die Jahre hindurch, die dem Wüterich aufgespart sind.
21 "Schreckenslaute tönen in seinen Ohren,
mitten im Frieden überfällt ihn der Verwüster.
22 "Er giebt die Hoffnung auf, dem Dunkel zu entrinnen,
für das Schwert ist er ausersehen.
23 "Er schweift nach Brot umher - wo ist's zu finden? -
er weiß, daß ihm bereit gestellt der Unglückstag.
24 "Ihn schrecken Not und Angst;
sie packt ihn wie ein König, der zum Sturm bereit,
25 "weil er seine Hand gegen Gott ausgereckt
und dem Allmächtigen Trotz geboten hat.
26 Er stürmte gegen ihn an mit dem Halse,
mit den dichten Buckeln seiner Schilde,
27 "weil er sein Gesicht mit Schmeer bedeckte
und Fett ansetzte an der Lende,
28 "sich ansiedelte in verfehmden Städten,
in Häusern, die niemand bewohnen sollte,
die zu Steinhaufen bestimmt waren.
29 "Er wird nicht reich, noch hat seine Habe Bestand,
und seine Ähre neigt sich nicht zur Erde.
30 "Er entgeht nicht der Umfinsterung;
seine Schößlinge dörrt die Flamme aus,
und durch seinen Zornhauch vergeht er.
31 "Er vertraue nicht auf Trug, er irrt sich:
denn Trug wird sein Eintausch sein.
32 "Ehe noch sein Tag kommt, erfüllt es sich,
und sein Palmenzweig grünt nicht mehr.
33 "Wie der Weinstock stößt er seine Herlinge ab,
wirft, wie der Ölbaum, seine Blüte hin.
34 "Denn des Ruchlosen Rotte ist unfruchtbar,
und Feuer verzehrt die Zelte der Bestechung.
35 "Mit Mühsal schwanger gebaren sie Unheil,
und ihr Schoß bereitet Trug!"